Freitag
Wie angekündigt sind wir über das Wochenende nach Shizuoka zu der Familie meiner Freundin gefahren. Ich kenne Mariko mittlerweile seit rund 17 Jahren. Ich hatte sie damals über eine Sprachlernseite angeschrieben und gefragt, ob wir schreiben wollen. Sie auf Englisch und ich auf Japanisch. Während des Studiums hat das auch so geklappt, danach bin ich auch ins Englische gefallen.
In meinem Kurzzeitstipendium ist sie damals zu mir nach Tokyo zu Besuch gekommen und im Langzeitstipendium bin ich für eine Übernachtung zu ihr gefahren. Ich durfte bei ihr, bzw. im Haus der Eltern schlafen und hatte eine schöne Sightseeingtour mit Familienfeeling. Ich durfte noch die Schwester mit der frisch geborenen Nichte und die Cousine kennenlernen. Auch danach hat meine Mutter mit dem japanischen Dad über Facebook Kontakt aufgenommen. Sie schreiben sich jetzt auch schon seit Jahren mehr oder weniger regelmäßig, obwohl sie sich nie in echt kennengelernt haben. Mein Kontakt mit Mariko ist auch mal häufiger oder seltener, je nach dem was passiert oder wie man Lust hat zu schreiben. Als wir wussten, dass wir nach Japan fliegen, hat Mariko es als erste erfahren und wir haben um den Besuch herum die ganzen Sachen geplant.
Die Reise haben wir auf jeden Fall mit dem Shinkansen angefangen. Die Fahrt dauert eineinhalb Stunden und am Anfang der Reise ist dummerweise mein Handy runtergefallen. Diesmal muss es aber so ungünstig aufgekommen sein, dass es das Display zerstört hat. Es ist keine Spider-App, sondern nur ein Miniriss, aber es wird nichts mehr angezeigt, nur ein kleines Flackern. Grandios. Da hab ich ja voll Bock drauf. Nicht nur das einige Leute meine Bilder sehen möchten, ich habe auch das Handy zur Orientierung und Planung genommen. Marcel ist da ein wenig ausgeklammert gewesen. Aber nun ja, was soll man machen. Shou ga nai, wie der Japaner sagt. Immerhin habe ich den Laptop noch mit. Jetzt überlegen wir noch, ob wir hier ein neues Handy kaufen oder in Deutschland.

Unabhängig von diesem Missgeschick kommen wir natürlich superpünktlich in Shizuoka an und Mariko und ihr Vater Toshihide erwarten uns winkend am Bahnsteig. Das macht einen schon echt glücklich so herzlich begrüßt zu werden. Selbst Marcel haben sie herzlich wie einen alten Freund begrüßt, obwohl sie ihn ja gar nicht kannten.

Zuerst haben wir das Gepäck nach Hause gebracht und danach sind sie mit uns nach außerhalb gefahren um den Shiraito-Taki, einen Wasserfall, zu besuchen. Wir kannten die Planung überhaupt nicht, daher saßen wir nur im Auto und haben uns über die Gegend gefreut. Shizuoka ist zwar Präfektur Hauptstadt, aber im Gegensatz zu Tokyo sehr flach und ländlich. Man hat von hier aus aber einen besonders guten Blick auf den Fuji, wenn er denn will. Vor 14 Jahren hat er sich geweigert sich zu zeigen, aber vom Shinkansen konnten wir ihn schon sehen. Der Wasserfall ist jetzt nicht so riesig wie die Niagara-Fälle, aber er war wunderschön in der Natur und mit den knospenden Kirschblüten war das Setting grandios. Das komplette Kontrastprogramm zu der digitalen modernen Welt in Tokyo. Und nach den Bahn- und Autofahrten war es schön sich wieder zu bewegen.

Nach nem Happen zu essen ging es zu einem See, dem Tanuki See, von dem man eigentlich DEN Blick auf den Fuji hat, mit Wasser und im Idealfall noch mit Kirschblüten. Aber jetzt war Fuji ein bisschen schüchtern und hat sich hinter den Wolken versteckt. Der See war dennoch sehr idyllisch und ruhig.
Es ging zurück nach Hause. Mittlerweile ist auch die Mutti nach Hause gekommen, die konnten wir vorhin noch gar nicht begrüßen. Auch sie hat sich nicht wirklich verändert in den 14 Jahren. Die Eltern sind mittlerweile um die 70/75 Jahre alt. Aber das merkt man ihnen überhaupt nicht an. Und nun ging es erst einmal an den omiyage Austausch. Wir hatten aus Deutschland Haribo und Halloren mitgebracht und meine Mutter hat für alle Frauen der Familie (sieben insgesamt) kleine Kosmetiktaschen genäht, die ich dann noch mit Pröbchen von DM und kleinen Naschsachen befüllt habe. Für Toshi gab es stattdessen ein Bier. Da haben sie sich drüber gefreut. Vor allem weil es selbst genäht war. Ich war froh nun die Koffer leer bekommen zu haben aber nein, die omiyage für uns war enorm. Es lag bereits ein Haufen Naschereien bereit und in einer Tüte waren zahlreiche Pokemonsachen, kleine Tüten, Naschi, Sticker etc. vorbereitet. Dann gab es Socken und kleine Handtücher mit klassischen Japanmotiven .... Ich wusste schon länger, dass Mariko den Shizuoka Pokemon Store leer kauft. Sogar für meine Mutter ist ein kleines Geschenk dabei.
Nachdem wir uns gegenseitig beschenkt haben sind wir in ein Tonkatsu-Restaurant gefahren. Marcel hatte sich das gewünscht und ein alter Klassenkamerad von Marikos Schwester führt dieses Restaurant. Es war wieder unglaublich lecker. Das Gespräch war noch ein wenig holprig. Wir mussten und noch von meinem Sprachlevel finden und Marcel wollte auch immer mitreden, aber irgendwie hat keiner Deutsch verstanden. Das habe ich bestmöglich übersetzt und es ging ziemlich gut.
Samstag
Da Familie Kameyama viel geplant hat, sind wir früh aufgestanden. Viel früher als was man im Urlaub will. Aber die Mutti hatte für uns ein schönes Frühstück gezaubert. Ein kleiner Mix aus europäischem Frühstück mit Spiegelei und Bacon und japanischem Stil, nämlich kleine Schälchen mit beigelegten Gemüse oder Salat.

Auf dem Plan stehen heute traditionelle und historische Dinge. Zuerst ging es zur Okabe Station in Kashibaya. Das ist ein 600 Jahre altes Ryokan. Ein Ryokan ist eine Gaststätte im alten japanischem Stil mit Schiebewänden und Tatamimatten (klar, so war es damals halt). Dieses Ryokan hat man restauriert und in ein Museum umgebaut. Altes Reiseequipment wurde ausgestellt und ganz viele traditionelle Puppen. Die sind noch vom Hanamatsuri, dem Puppenfest, da gewesen. Es ist schon spannend wie klein die Menschen früher waren, aber wie weit die Kunstfertigkeiten schon waren. Generell wirkt das ganze Dorf sehr alt und es wirkt wie früher dort. So ist es auch, als wir zu einem berühmten Soba Restaurant gefahren sind. Wir mussten ein Stück laufen und die Häuser waren wirklich wunderschön alt. Es sah fast wie in Kyoto aus. Soba sind Buchweizennudeln die man gerne auch kalt isst. Sie gelten als erstes Fastfood in Japan und stammen aus der Edo-Zeit.

Gestärkt ging es dann ins Takumishuku, das Traditional Hand Craft Arts Center. Dieses Zentrum ist das was ich an Japan liebe: die Liebe zum Handwerk und der Kunst. Es ist eine sehr schöne und ästhetisch moderne Einrichtung, wo man sich in traditionellen Künsten wie Töpfern, Lackarbeiten, Färben oder Bambusarbeiten ausprobieren kann. Marcel war sehr vom Töpfern fasziniert, aber das hätten wir zeitlich und sprachlich nicht hinbekommen. Also haben wir, Marcel und ich, uns bei den Lackarbeiten ausgetobt und Stäbchen poliert. Dazu haben wir lackierte Stäbchen bekommen und mussten diese so schleifen, dass sie glatt werden. Dabei treten dann untere Lackschichten hervor und geben dann ein individuelles Muster frei, je nachdem für welche Farbe man sich entschieden hat und wie sehr man poliert. Wir saßen da ca. 40 Minuten und haben artig unsere Stäbchen poliert. Und wir sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Da schätzt man sämtliche Lackarbeiten mehr wert.

Die Zeit drängte langsam, denn für den Abend war noch eine Willkommens-Dinnerparty mit der gesamten Familie geplant. Ein kurzer Stopp noch bei einem Süßigkeitenverkäufer mit traditionellen Naschi wie Mochi, Daifuku oder Taiyaki ging es nach Hause. Dort wurden uns ALLE Süßigkeiten präsentiert. Wir haben uns durchaus zurückgehalten, aber der Berg war schon überwältigend.
Nun kam der Moment wo alle die ich bisher kennen gelernt habe zusammen kommen. Ich war ein bisschen aufgeregt, da auch die Nichten dabei sind, die ich noch gar nicht oder nur als Baby kenne. Marcel wusste auch noch nicht was ihn erwartet. Das Gefühl, dass die nur für uns kommen ist komisch. Es wurde Sushi für alle bestellt und Mutti hat noch Oden, Eintopf, gekocht. Zuerst kam Akiko, die Cousine. Ich mochte Akiko damals schon sehr, da sie eine sehr offene und extrovertierte Person ist. Sie wurde damals eingeladen, da sie mal in Deutschland war und Englisch kann. Wobei sie kein Wort Englisch gesprochen hatte. Es war direkt wie früher, man war sich wieder vertraut und sie ist immer noch so eine tolle Person. Auch mit Marcel hat sie sich auf Anhieb verstanden, soweit es sprachlich ging. Sie hatte ihm die alten Fotos von 1995 gezeigt und von ihren Erfahrungen berichtet. Dann kamen auch die große Schwester mit Mann und die zwei Nichten. Der Empfang war eher kühl, wie waren für die Kids weniger von Interesse und mit der Schwester hatte ich damals kaum Kontakt. Den Schwager hatte ich nicht kennen gelernt. Aber es gab eh erst einmal Essen. Da das Haus relativ klein ist, haben wir nicht alle an einem Tisch essen können. Und Essen gab es wirklich reichlich. Schon vorgesättigt von den Süßigkeiten hat das Sushi kaum Platz gefunden (jaja, wie dummer Kinder im Schlaraffenland). Wie immer waren alle von Marcels Talent mit Stäbchen zu essen begeistert und dass er so ein netter Mann ist. Da er sprachlich ein wenig raus war, hatte er beim Tischdecken mit angefasst.

Dick und vollgefressen musste sich Akiko schon verabschieden. Da wir noch omiyage vorbereitet haben und ich dazu per Handy meine Mutter zuschalten wollte, habe ich sie per Videocall angerufen und Akiko ihr Geschenk überreicht. Danach ist alles, zumindest in meinem Kopf, laut und wild geworden. Ich habe meiner Mutter mit dem Handy alles gezeigt und allen meine Mutter gezeigt, dabei habe ich versucht bilingual alles gleichzeitig zu erzählen. Meine Mutter und Toshi haben sich so zum ersten Mal "in echt" gesehen. Und als ich der Familie, also den Teil der Schwester, erzählt habe, dass die Täschchen selbst genäht wurden, waren sie superglücklich und haben alle in die Kamera gerufen und gewunken. Wir haben dann damit Gruppenfotos gemacht und das Eis war gebrochen. Man kann aber leider nicht allen gerecht werden: der Mutter am Telefon und der Familie vor Ort die jetzt viele Fragen hat. Daher haben wir das Telefonat nach einem allgemeinem Tschüsssagen beendet. Mit den Nichten und dem Schwager haben wir uns dann noch ein bisschen unterhalten und die Nichten sind sehr neidisch, dass wir ins USJ (Universal Studio Japan) gehen. Es war ein schöner Abend und die Mädels haben uns noch Dankebilder gemalt und geschrieben. Da geht einem doch das Herz auf. Und ein bisschen stolz bin ich auch auf meine Leistung nach ca. 10 Jahren ohne Japanisch diesen Abend souverän überstanden zu haben.
Sonntag
Der Tag ist ein bisschen später gestartet, da aufgrund unserer Abreise gen Osaka heute nicht mehr so viel auf den Plan stand. Erstmal mussten wir noch alle Katzen kennenlernen. Zwei kamen regelmäßig zum Futtern vorbei. Das waren aber Gemeindekatzen und die hat man an dem Sakura Cut am Ohr erkannt. Das sind so gesehen Streuner die aber kastriert wurden und zur Erkennung wurde das Ohr "beschnitten". Sie waren zutraulich, aber nicht kuschelig. Die Familie hat aber noch zwei Hauskatzen, wobei die nicht im Haus wohnen sondern ihr eigenen Katzenzimmer haben. Eine davon war scheu und ist gleich abgehauen, die andere ältere Katzendame war zutraulich und schmusig. Ich kann mich nicht mehr aktiv erinnern, aber ich habe sie tatsächlich schon vor 14 Jahren kennen gelernt. Ein bisschen traurig wurden wir schon, da wir schon so lange ohne unsere Babies sind. So lange waren wir noch nie getrennt.

Zum Schluss sind wir in die Stadt. Erst ohne Gepäck, dass wollte Toshi später holen. In der Nähe des Bahnhofs ist zum einen das Präfekturgebäude, da gibt es eine kostenlose Aussichtsplattform. Und die Aussicht in Shizuoka ist eine ganz andere als in Tokyo. In Tokyo sieht man nur Häuser, Häuser und Stadt. In Shizuoka sieht man kleine Häuser, Berge, das Meer und mit Glück den Fuji. Es war nun ein wenig schüchtern hinter Nebel, aber klar zu erkennen. Zu dieser Aussicht haben wir Yasuko mitgenommen, die Freundin von Mariko. Sie war damals mit in Tokyo als Mariko mich besucht hat und war natürlich dabei, als ich in Shizuoka war. Zusammen haben wir diesmal noch die Kirschblüten bewundert. Sie ist am Sonntag in Shizuoka in voller Blüte und der Burggraben der Burgruine ist wunderschön mit den Blüten am Ufer. Ich hatte das als romantisches Märchen abgetan, aber es ist wirklich was besonderes.

Als finalen Sightseeingspot haben wir das Museum in der restaurierten Burganlage besucht. Die Anlage selbst ist seit dem 12. Jahrhundert vorhanden und wurde damals unter Tobunaga Ieyasu richtig groß ausgebaut. In Shizuoka ist man europäische Ausländer kaum gewohnt und Toshi ist mehrmals gefragt worden wo wir her seien und ob wir Japanisch könnten. Aber man hat uns auch extra herzlich aufgenommen..

Aber alles hat ein Ende. Toshi ist nach Hause unsere Koffer holen während wir mit Mariko und Yasuko noch durch die Innenstadt geschlendert sind. Mutti kam dann auch noch mit zum Bahnhof und hat und noch für meine Mutter ein Extrageschenk mitgebracht und Getränke für die Fahrt. Zum Glück gab es für uns keine weiteren Geschenke. Wir wussten schon gar nicht wie wir die Koffer zu bekommen, obwohl wir unsere Mitbringsel losgeworden sind und erst Halbzeit haben. Als der Shinkansen kam ging es auch schnell, sowohl die Verabschiedung als auch die Tränen die bei mir flossen. Wie letztes Mal. So schnell und so stark kann man diese Familie ins Herz schließen.
Schnell bringt uns aber der Shinkansen in nur zwei Stunden nach Shin-Osaka (Stadtteil von Osaka) um einen weiteren Teil des Abenteuers zu beginnen. Tatsächlich ist aber mein Gefühl hier anders. Osaka ist nicht mein Viertel. Ich war zwar schon (einen Tag) hier, aber die Leute sind anders. Das Hotel haben wir superschnell gefunden, da es tatsächlich eigentlich auf dem Bahnhof ist. War so nicht geplant, macht es aber auch einfacher. Da Shin-Osaka aber irgendwie nur ein Umschlagpunkt für die Zugreisenden ist und sonst irgendwie abgeschnitten ist, haben wir ausführlich bei der Essenssuche den Bahnhof erkundet und Pläne für die hiesigen Tage geschmiedet. Mal gespannt, wie es sich hier verändert hat