Sonntag, 23. März 2025

Von Tokyo-Eki nach Ueno und zurück

 Nach dem späten Abend hatten wir für Sonntag sowieso ein sehr entspanntes Programm vorgesehen. Erstmal ordentlich Ausschlafen und dann einen entspannten Tag in Ueno und seinen Museen.

Marcel hat leider am Vortag eine Problem mit der Klimaanlage bekommen. Wenn wir im Hotelzimmer oder woanders drin sind, dann muss er fürchterlich husten. Nachts ist das natürlich ganz schlimm. Wir Deutschen sind die Klimaanlagen und die dadurch sehr trockene Luft nicht gewohnt. Und als wir heute morgens geduscht haben, wurde es auch extrem warm im Zimmer. Ein Grund mehr viel Zeit unterwegs zu sein.

Ueno ist mit der Bahn nur einen Katzsprung entfernt. Und Katzensprünge kann man gut laufen. Laut GoogleMaps nur 55 Minuten. Ein Klacks bei dem Wetter. Es waren wieder 25 Grad angesagt. Die Strecke war auch einfach nur geradeaus. Und tatsächlich hat es ungefähr 4 Stunden gedauert da zu sein. Der Masterplan für den ganzen Urlaub sieht so aus, dass wir große Sachen schon gebucht haben und sonst die Tage nach Regionen und ggfs kleinen Sachen aufgeteilt haben, damit bleibt uns maximale Flexibilität. So auch heute. Der Weg führt von Tokyo-Eki nach Nihonbashi. Auch noch ein sehr edles und aufgeräumtes Viertel voller Edelboutiquen und Marken. Aber hier finden sich auch kleine Juwele wie ein künstlerischer Upcyle-Laden. Die Roboter im Schaufenster haben uns aufmerksam gemacht und drinnen haben wir tolle Sachen aus alten Maschinen, Materialien oder Stoffen gefunden. Wir sind mit einer Designerin ins Gespräch gekommen die alte Kimonos in neue Klamotten verarbeitet. Superschön, aber für das Portemmonaie ein wenig zu teuer. Zumal die Gefahr sehr groß ist, dass man es nicht wirklich anzieht.

Nach Nihonbashi sehe ich vertraute Hochhäuser und erkenne: der Weg führt uns direkt durch Akihabara. Das bekannte Elektroviertel ist immer noch DAS Viertel für Animefans oder Spielefreunde. Man findet unglaubliche viele Fanshops, GatchaGatcha und Greifautomaten oder Shops die sich auf Sammelkarten spezialisiert haben. Und Maid-Cafes.

Als erstes fiel mir jedoch ein Taiyaki-Stand auf und erkannte, dass es der Stand ist, wo es Karpador-
Taiyaki gibt. Für alle Nicht-Japan-Nerds: Karpador ist ein Pokemon in Fischform, an sich das schwächste und sinnloseste Pokemon, aber es hat Kultstatus. Taiyaki sind Waffeln in Fischform die traditionell mit der Rotenbohnenpaste (Anko) gefüllt ist. Also ist es das, was wir essen müssen. Es war auch superlecker. Marcel liebte die Cremefüllung und ich hatte Rote Bohnen mit Kastanie.

In Akihabara waren wie immer viele Maids, Mädchen in niedlichen Kostümen, die Menschen ansprechen um mit ihnen ins Maid-Cafe zu gehen. Nun ja, long story short: wir wollen ja alles machen. Also sind wir mit einem süßen kleinen Mädchen in ein Cafe. Natürlich lag die Hauptkonversation bei mir, aber Arare, so hieß die Kleine, hat es gut gemacht. Natürlich ist das ein sinnloses und teures Vergnügen, aber die Mädchen bedienen ein echtes Bedürfnis. Hört sich verbotener an, als es ist. In Maid Cafes gehen Männer um mit Mädchen zu sprechen und ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Ja, oder auch eklige Typen die nen Fetisch haben. Aber es geht im Endeffekt darum, dass du dem Mädchen entweder einen ausgibst oder etwas zu essen bestellst, wo sie dann mit Schokosauce oder Ketchup Dinge drauf schreibt. In dieser Zeit ist sie für dich da und unterhält dich, zollt dir Aufmerksamkeit und tut so, als wärst du die interessanteste Person überhaupt. Obwohl wir sehr zurückhaltend mit dem Konsum waren, hat Arare ihren Job echt gut gemacht. Obwohl sie kein Englisch kann, hat sie das Gespräch super geleitet und uns wirklich aufmerksam zugehört, auch Marcel. Das muss man ihr lassen. Und natürlich wird die verbrachte Zeit mit Geld aufgewogen. Das Cafe selbst war...nun ja....in meinen Augen nichts wo ich meine Zeit verbringen möchte. Aber da gibt es unterschiedlichste Formen und Themen, je nach Geschmack. Es war eine Erfahrung wert und wir haben was zu erzählen. Natürlich gibt es in Japan auch das Gegenstück für Frauen: Host-Clubs.

Weiter führt uns der Weg dann nach Ueno, aber auf dem Weg haben wir noch eine kleine Rösterei entdeckt. Vorranging beruflich bedingt haben wir dort gehalten und noch einen Kaffee genossen. Der war auch wirklich gut, sodass wir gestärkt in Ueno angekommen sind. Statt aber direkt in den Park mit den Museen zu gehen, fiel der Blick in die Nebengasse und wir sind in der Ameyoko Dori, einer weiteren sehr bekannten Einkaufsstraße eingetaucht. Dort war es, wie überall, voll, aber nicht ganz so sehr voller Touristen. Hier war das Hauptaugenmerk auch nicht auf Mitbringsel, sondern auf Lebensmittel. Es gab einige Fischhändler oder Gemüsestände und man kannte superfrisches Sushi genießen. Was wir natürlich taten. Marcel ging es vorrangig um Austern und die waren unvergleichlich zu denen die wir damals in Wien gegessen haben.

Danach hatten wir auch kein Bock mehr auf das Rumgewusel und sind in den Ueno Park. Und Überraschung: hier fand ein Kirschblütenfest statt. Tatsächlich knospen erst zwei Bäume, aber auch hier wird es erst nächste Woche romantisch rosa sein. Überall waren Fressbuden aufgebaut und zahlreiche Menschen saßen bereits wie bei der Kirschblütenschau auf dem Rasen und picknickten. Wir waren begeistert, dass es mehrere Extrazelte gab, wo man seinen Müll abgeben konnte, getrennt natürlich. Deutschland schafft es gerade mal ne Extratonne hinzuklatschen.


Am Ende des Parkes angekommen sind wir in das Naturwissenschaftliche Museum gegangen. Wir wollten Dinos sehen. Tokyo hat eines der drei einzigen vollständigen T-Tex Skeletten. Es ist beeindruckend davor zu stehen und zu sehen, wie groß die Tiere damals waren. Der große Langhals-Dino (ich bin nicht sicher welcher genau) ist gerade in Osaka zur Expo unterwegs. Dennoch sind sie alle riesig. 


Man hat uns mit der Schließung mit rausgescheucht und wir sind auch direkt zurück nach Hause gelaufen. Spannenderweise war der Weg nun viel kürzer. Irgendwie kamen wir schneller voran. Dennoch hatten wir die Augen offen um noch richtig zu Abend zu essen und mir fiel ein Tempura-Restaurant ins Auge. Klein und schnuckelig. Man sitzt direkt vor dem Koch und sieht genau, wie frisch die Zutaten sind und wie er es zubereitet. Die Preise waren allerdings für Tempura recht hoch. Aber man merkte, dass wir uns was Gutes ausgesucht haben. Geschmacklich war es auch herrlich. Die Meeresfrüchte waren sehr zart und das Gemüse saftig. Es gab Gemüse, das wir noch nie gesehen haben (Pestwurz). Durch ein Gespräch mit dem Sitznachbar kam auch raus, dass es eins der besten Tempura Restaurants der Stadt ist. Satt, aber nicht vollgefressen wie die letzten Tag ist es zurück ins Hotel gegangen.

Wir haben mit dem Hotel bezüglich der Klimaanlage und dem Husten gesprochen. Nun experimentieren wir mit der Klimaanlage herum, wie es am besten ist und haben einen Luftbefeuchter bekommen. Mal schauen ob es klappt.

Im Hafen der Zukuft

Wir haben am Samstag die Hochburg Tokyo verlassen und sind zu meinem Lieblingsort in Yokohama gefahren: Minato Mirai.

Als Touristen fahren wir nicht zwingend bis zur letzten Haltestelle, bzw, dadurch, dass wir mit dem RailPass nur die JR (Japanese Railway) kostenlos nutzen dürfen, fahren wir nicht zwingend an jede Station, weil wir dann bezahlen müssten. Aber so läuft man durch die Straßen und bekommt mehr mit.

Daher sind wir am Hauptbahnhof Yokohama ausgestiegen und zum Hafen gelaufen. Auf dem Weg lag das Pokemon Center und ich dachte, dass kann man doch gleich mitnehmen. Für unsere Verhältnisse waren wir recht spät unterwegs, aber viele Geschäfte machen erst um 11 Uhr auf. Das Poke-Center schon um 10:30 Uhr, aber da standen einige Menschen artig in Reih und Glied vor dem Einkaufszentrum. Wer weiß, da macht bestimmt ein neuer Laden auf und wir haben uns dazu gestellt, waren ja nur noch 10 Minuten oder so. Da kam ein netter Mittarbeiter und fragte ob wir ins Poke-Center wollen. Ja. Dann wollte er uns ein Kärtchen mit dem Zeitfenster 12:30 Uhr geben. Das fand ich sehr verwunderlich und fragte ob es denn heute ein spezielles Event gibt, weswegen der Andrang anscheinend so hoch ist. Das sei es nicht direkt, sagte er, sondern es wurden an dem Tag neue Produkte geliefert. Selbst das feiern die Japaner anscheinend so sehr, dass sie Schlange stehen. Wir haben das  Kärtchen dankend abgelehnt. Sooooo verrückt nach Pokemon bin ich auch nicht.

Also sind wir weiter marschiert und wundern uns warum so viele Menschen unterwegs sind. Als wir um die Ecke kamen, sahen wir dann das Anpan-Man-Museum. Anpan-Man ist eine sehr beliebte Comicfigur bei Kinder. Anpan ist ein Brot, also ist der Anpan-Man ein Brot-Superheld...fragt nicht. Bernd das Brot ist ja auch sehr bleibt :)  Aber das erklärte die vielen Kinder auf der Straße. Und kurz hinter dem Museum haben wir eine Riesenschlange an Menschen gesehen, wohlbemerkt immer noch gegen 10:30Uhr morgens. Google hat mir verraten, dass das eine Konzerthalle war und um 17 Uhr (Einlass 14:30 Uhr) eine Band spielt. Warten und Schlangestehen sind eindeutig die Lieblingsbeschäftigungen hier. 

Aber nicht für uns. Wir haben uns erstmal ein feines Frühstück mit French Toast gegönnt bevor wir dann in das Minato Mirai Gebiet gegangen sind. Minato Mirai bedeutet Hafen der Zukunft und ich habe schon damals im ersten Stipendium hier gerne meine Freizeit verbracht. Ich liebe die Skyline. Marcel schien erstmal nicht so begeistert.

Als wir näher zu dem Gebiet kamen fiel uns natürlich schon der Freizeitpark mit Riesenrad auf und das auch hier einige Menschen unterwegs waren. Wir haben auch noch eine hübsche Tanzeinlage einiger älteren Ladies gesehen. Wir haben dann herausgefunden, dass wir auf der Kirschblütenstraße waren und heute das Kirschblütenfest war. Da haben wir ja wieder ein Glück mit solchen Events. Nur fehlten noch die Kirschblüten. Die Bäume waren komplett kahl. Aber es ist für nächste Woche angekündigt.

Wir liefen weiter Richtung Landmark-Tower, da ich wusste, dass es dort oben eine schöne Aussichtsplattform gibt. Und wir stolpern direkt in die nächste Aufführung einer, ich schätze, Schulband. Während wir dort stehen und lauschen schau ich umher und finde tatsächlich einen Harry Potter Store. Das Nerd-Herz schlug schneller und wir mussten da rein. Nicht nur dass Hogwarts uns in den nächsten Tagen noch mehrmals geplant über den Weg läuft, spontan ist es doch immer am besten. Also sind wir durch einen süßen schrulligen Harry Potter Laden geschlendert und haben uns an all dem Merchandise erfreut.  Man kann sich echt dumm und dusslig kaufen an sowas und zum Glück bin ich sehr beherrscht, aber eine Todesser-Kette hat es mir angetan. Die gibt es auch NUR dort. Hab extra nachgefragt. Tja, dann bin ich anscheinend doch nicht nur Slytherin, sondern auch noch ein Todesser. Ups.

Genug vom Nerd-Sein. Wir haben die Aussichtsplattform gefunden und die Aussicht auf den Hafen ist wunderschön. Klar, Skytree ist viel höher, aber der Hafen direkt unter einem hat einen besonderen Flair. Momentan gibt es sogar eine Kollaboration zwischen dem Landmark-Tower und Doraemon (eine anderes beliebte Anime-Figur), sodass es für Stempelfans eine extra Stempelkarte gab, wo man an verschiedenen Stationen unterschiedliche Farben stempeln muss um ein Gesamtbild zu bekommen. Yeah!

Wieder unten haben wir uns dann entschieden über den Mini-Freizeitpark zu den Sky Cabins zu laufen. Das sind kleine Kabinen die quer über den Hafen schweben, sodass man nochmal eine ganz andere Aussicht auf die Skyline hat. Also voll der Touristenkram, aber genau das wollen wir auch. Die Fahrt war nicht wirklich lang. Wir bereuen es nicht, aber es war jetzt auch nicht supertoll. 

Der Plan sah vor, dass wir dann an den Red Brick Area vorbei zu einem Riesensteg laufen. Dort ist die Osanbashi Hall versteckt. wobei uns nur das Deck mit der Aussicht interessiert hat. Aber auf dem Weg dorthin sind uns immer mehr Leute mit Hunden über den Weg gelaufen. Das fiel uns schon beim French Toast morgens auf. Entweder hatte der Hund eine Klamotte an, fuhr im Kinderwagen oder wurde getragen. Aber einen unbekleideten Hund der normal an der Leine lief, den sahen wir nicht. Und wir sahen nicht nur kleine Fußhupen sondern auch große Golden Retriever und sogar einen Dobermann. Zwischen den Roten Backsteinhäusern der Red Brick Area fand eine Art Hundemesse statt und die Auswahl an süßen Accessoires war riesig und verrückt. Sonnenbrillen und Käppis. Haarschmuck und Kleidchen. Alles was das Hundeherz begehrt.


Da sind wie lieber zu Osanbashi gegangen und haben bei langsam sinkender Sonne, es waren nebenbei rund 24 Grad, den Ausblick auf die Skyline genossen. Aber leider nicht lange, da wir noch eine Verabredung hatten. Damit wir die rechtzeitig schaffen sind wir dann durch Chinatown zur Bahnstation gelaufen. Chinatown war früher auch ein schönes Viertel, aber wie so ziemlich jede Attraktion absolut überlaufen. Da wir nur durchgehuscht sind, war es okay. Hier kann ich erwähnen: Marcel mag Yokohama nicht. Den Hafen schon, aber sonst ist es nichts für ihn. 

Pünktlich haben wir es zu Kyohei und Ryosuke geschafft. Die Jungs kenne ich noch aus alten Studienzeiten. Sie haben an der Keio in Tokyo studiert und waren noch vor meinem Auslandsjahr in Halle, bzw. Leipzig. Ich gestehe, ich hab keinen Plan mehr was wir damals getrieben haben, ich hatte auch all die Jahre keinen Kontakt mehr, aber es gibt alte Fotos und unsere Freundin Katha bat mich für Kyohei Parfum mitzubringen. Das kann man nämlich nicht mehr in Japan (für wenig Geld) kaufen und erst recht nicht mit der Post senden. Aber gegen einen schönen Abend voller Erinnerungen hat doch keiner etwas. Für Marcel war es auch gut, denn die beiden können Deutsch. Es war lustig. Erst sind wir ins Izakaya, eine Kneipe. Marcel hat dort die Freuden der kleinen Snacks entdeckt. Obwohl ich im Japanischen gerne gestolpert bin und die Jungs im Deutschen, war es trotzdem eine gute Unterhaltung. Und so feuchtfröhlich, dass es zu einer Stunde Karaoke geführt hat. Ich hätte nicht gedacht, dass Marcel sich dafür begeistert kann, aber er hat gut mitgesungen. Natürlich gab es den Einstieg mit Nena, aber mit Slipknot und Electric Callboy wurde das Metal-Level gut gehalten. 


Der Abend wurde länger und nach einem zweiten Izakaya-Stopp sind wir dann zusammen nach Hause gefahren. Ryosuke wohnt nur zwei Stationen weiter als unser Hotel ist, sodass keine allein fahren musste. Wir kamen echt kaputt von der Sonne, dem Fußmarsch und dem geselligen Abend nach Hause und sind direkt ins Bett. 

Freitag, 21. März 2025

Alte Freunde und neue Wahrzeichen

 Der Touristentrip geht weiter.

Als absoluten Klassiker muss man neben dem berühmten Meiji Schrein auch den Senso-ji sehen. Vielmehr ist allerdings das Kaminari-mon, das Donnertor, davor bekannt. Bei der Planung für den Urlaub habe ich natürlich alte Freunde kontaktiert und gefragt, ob wer Zeit und Lust hat sich zu treffen. Und glücklicherweise hat Yoann, mein alter bester Freund aus der Japanzeit, tatsächlich Zeit für uns. Da er in der Nähe von Asakusa wohnt und er frei hat, haben wir uns direkt an dem Touristenspot getroffen.

Nach 14 Jahren sieht er noch immer so aus wie vorher und hat sich auch so nicht wirklich verändert. Selbst der französische Dialekt im Englischen ist unverändert. Naja, unsere Gespräche haben ein bisschen mehr Niveau bekommen, aber wir haben auch in den vier Stunden die letzten 14 Jahre zusammenfassen müssen. Für Marcel war es aufgrund der sprachlichen Barriere eher weniger spannend. 

Zusammen sind wir durch die kleine Verkaufsgasse zum Schrein gewandert. Links und rechts gibt es dort Souvenirs und Leckereien. Mal besserer und mal schlechterer Qualität. Aber auf jeden Fall gab es ein omamori für mich bevor wir zu dritt in ein Café gegangen sind, um den Menschenströmen dort zu entgehen. Yoann hatte da eine schöne Empfehlung mit gutem Kaffee. Und weil er sich auskannte, haben wir auch gleich zu Mittag gegessen. Sehr klassisch Japanisch mit einer Auswahl von Fisch, Hähnchen, eingelegten Gemüse und Misosuppe. 

Damit war der traditionelle Teil des Tages relativ schnell erledigt, obwohl ich ursprünglich dachte, dass wir das länger machen. Dafür sind wir aber zum Skytree gegangen. Das neue Wahrzeichen der Stadt was zu meiner Zeit damals noch im Bau war. Der Aussichtspunkt, bzw. der Turm ist 634m hoch. Die Zahl kann ich mir besonders gut merken, weil das auf Japanisch Mu-Sa-Shi heißt und ich an der Musashi studiert habe. Ich Fuchs, ich. Gemütlich sind wir am Sumidafluss entlanggeschlendert und haben uns erstmal Tickets für den Turm geholt. In unserer Reisevorbereitung haben wir viele Tickets bereits seit Wochen gebucht, aber hier dachte ich, dass wir spontan hingehen, es wird ja was frei sein. Nun ja, war es auch, aber erst in 3 Stunden. 


Wie gut, dass in dem Gebäude am Fuße des Skytree unglaublich viele Shops und Restaurants sind. Nachdem Yoann kurz mit in den Pokemon-Shop gekommen ist, hat er sich dann auch verabschiedet. Wir haben die Zeit dann beim Schaufensterbummeln verbracht. Und man kann sich da drin echt verlaufen oder in der Zeit verlieren oder in Geldnot geraten.

Wer keinen Bock auf Shopping hat, der kann in dem Gebäude auch ins Aquarium gehen. Das haben wir spontan gemacht. Es war auch wieder sehr liebevoll gestaltet und hat eine sehr große Auswahl an Quallen beherbergt. Ich habe mal gehört, dass es sehr schwer ist, Quallen zu züchten, weswegen man sie in Deutschland relativ selten in Aquarien findet. Sie sind auf jeden Fall hypnotisierend. Und es gab spannende Exemplare. Große, winzige, fast durchsichtige, welche die tatsächlich Reverse Jellyfish heißen und so aussehen, als lägen sie auf dem Kopf. Auch bei den Goldfischen gab es einige Arten die dort gezüchtet wurden. Die klassischen goldenen, weiße mit rotem Punkt auf der Stirn, mit Glubschaugen.....Wir haben die Zeit auf jeden Fall gekonnt herum bekommen.


Pünktlich zu unserer Zeit ging es dann auch direkt hoch auf 450m, die Höhe der höheren Aussichtsplattform. Da unser Zeitraum recht spät war, haben wir zwar die Sonne und Sonnenuntergang mit dem Blick auf den Fuji verpasst, aber dafür hatten wir die atemberaubende Nachtaussicht. Ich finde nachts sieht man vielmehr wie die Stadt lebt. Die Straßen sehen dann aus wie Adern und es blitzt und blinkt an vielen Ecken. Natürlich haben wir den "alten" Tokyo Tower von dort oben sehen können.

Aber auch hier an diesem sehr modernen Sightseeing Spot waren Massen an Leuten und das Warten auf den Fahrstuhl oder eine bestimmte Fotostelle oder oder oder ist doch ziemlich nervig. Ich würde es trotzdem jedem empfehlen hierzufahren, aber man muss sich wirklich auf die Warteschlangen einstellen.

Da wir dadurch doch viel Zeit in der Höhe verbracht haben, sind wir bequem zurück zur nächsten Bahnstation gewandert und sind nach Hause gefahren. Hört sich fast langweilig an, nach dem vollgepackten Tag von gestern. Aber dafür hatten wir, bzw. mehr ich, die Freude an einem Wiedersehen nach 14 Jahren.

Emotional dachte ich, dass ich mit dem Besuch in Japan viel glücklicher bin. Ich freue mich hier zu sein, dass will ich nicht bestreiten. Aber es ist ein anderes Glück als ich erwartet habe. Es ist nicht so herzüberwältigend und emotional, sondern eher ein leichtes Gefühl der Vertrautheit. Ich fühle mich hier unglaublich wohl, obwohl mir durchaus viele Probleme in Japan bewusst sind und sehe es tatsächlich ein bisschen wie ein Nachhausekommen an. Ich vermute, dass ich über die Jahre das Land für mich enorm romantisiert habe und deshalb an mich selbst diese Erwartung hatte, emotional auszuflippen (das bin ich bisher nur im Poke-Center). Da ich bisher schon ein paar Mal gefragt wurde, ob ich glücklich bin wieder hier zu sein, wollte ich dieses Gefühl mit euch teilen. Ist ja aber auch erst der zweite ganze Tag hier. 

Donnerstag, 20. März 2025

Alte und neue Erinnerungen

 Der erste ganze Tag in Japan.

Marcel hat es gestern Abend schon gegen 22 Uhr komplett ausgeknockt und ich bin auch kurz danach ins Traumland gefolgt. Beide hatten wir die Erwartung, dass wir wunderbar durchschlafen und nach ca. 8 Stunden wieder fit sind. Naja, der Plan ging leider nicht so auf. Um 3 Uhr morgens waren wir wach. Zum einen waren wir ausgeschlafen (Hallo Jetlag!) und zum anderen stelle ich mal wieder fest: Klimaanlagen sind fürchterlich. Wir können das Fenster nicht öffnen und hatten eine sehr trockene Luft im winzigen Zimmer und generell war auch die Temperatur nicht so unsere. Die kann man allerdings schnell ändern. Die Luftfeuchtigkeit eher wenig. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau, dafür haben wir eine Regendusche und einen Massagestuhl, in dem ich mir während des Schreibens die Waden massieren lasse. 

Was macht man also wenn man nicht schlafen kann? Man holt sich erstmal gemütlich gegen halb 5 morgens das Frühstück aus dem Konbini (24h Conveniencestore). Natürlich gab es für mich Onigiri und Marcel musste sich erst einmal rantasten, aber auch er feiert die Produkte die man da immer für relativ wenig Geld erstehen kann. 

Gemütlich haben wir uns dann fertig gemacht und sind um 7 Uhr morgens losgestiefelt. Da wir gestern vor lauter Müdigkeit nicht wie angedacht zum benachbarten Kaiserpalast gegangen sind, haben wir das erstmal nachgeholt. Über einen kleinen Umweg durch den hübsch angelegten Hibiya-Park ging es dann direkt zum Kaiserpalast. Der darf man leider nur aus der Ferne bewundern, ist aber trotzdem eines der Touristenpunkte die ich schon fünf Mal oder so besucht habe. Also eine alte Erinnerung für mich und eine neue für Marcel. Es ist spannend zu sehen wie jemand der das alles so gar nicht kennt das Ganze betrachtet. Zumal er auch sehr wenig Vorkenntnisse von der japanischen Kultur hat. 

Der Kaisergarten hatte leider erst um 9 Uhr geöffnet, aber unser Morgenspaziergang war schon so früh, dass wir darauf nicht warten wollten. Es ist mehr oder weniger neben dem Hotel, daher können wir das jederzeit bei Bedarf nachholen. Dafür gab es dann den Touristenklassiker Nummer 2 für Marcel. Wir sind nach Harajuku gefahren und haben dort den Meiji-Schrein besucht. Ich möchte meinen, dass ist der wichtigste und bekannteste Schrein in Tokyo. Er ist auch superschön in einer sehr belebten Gegend gelegen, strahlt aber durch den dazugehörigen Wald sehr viel Ruhe aus. Es war auch nicht wirklich was los, so um 9 Uhr morgens. Wir hatten auf dem Spaziergang zum Schrein selbst noch eine kleine


Prozession Mönche sehen können. Und obwohl es noch ruhig war, fallen einem die ganzen Touristen auf. Generell ist der Anteil an europäisch wirkenden Menschen in Tokyo enorm angestiegen, aber an den Spots trifft man dann auch gerne auf diese ignoranten Touris die nur wegen des Beweisfotos da sind. Marcel hat auch sehr viel fotografiert, aber es war nie aufdringlich und hat jedes Verbotsschild respektiert. Aber nicht selten sind andere direkt an den Schrein, trotz Verbotsschildes und einem Wachmann mit Schild in der Hand, gegangen und haben fotografiert. Spannend war auch, dass die großen Torii (Tore) neu gemacht wurden. Das neue Holz ist sehr hell und tatsächlich bis zu einer Höhe von ca. 1,70 mit einer durchsichtigen Plastikfolie ummantelt. Ich behaupte einfach, dass das ist, weil so viele Ignoranten aus der ganzen Welt sich dort nämlich einritzen und die japanischen Heiligtümer beschädigen.

Wir, vorbildlich natürlich, haben uns mit Wasser vor dem Betreten gereinigt und am Schrein gebetet ohne Fotos. Damit alles auch traditionell klassisch abläuft, haben wir auch ein omikuji gezogen, ein Horoskop. Leider sagt unseres nichts über unser Glück aus, sondern enthält ein Gedicht des Meiji-Kaisers. Und Marcel hat von mir ein omamori geschenkt bekommen. Ein Talisman. Ich habe ihm eins gegen dunkle Einflüsse ausgesucht. Für eine gute Geburt fand ich nicht so passend :)

Nach diesem eher traditionellen Start in die Touristenspots sind wir in Harajuku gleich in die Takeshitadori gegangen. Also wollten wir. Marcel hat ein Katzen Cafe entdeckt und wollte da erst rein. Nach zwei Tagen war schon zu viel Kuschelentzug vorhanden. Man sitzt dort in einem Cafe (wobei Kaffee hier gar keine Rolle spielt) und kann die herumlaufenden Tiere bespielen und streicheln. Das bietet vielen Japanern die Möglichkeit mit Katzen zusammen zu sein, da häufig Haustiere verboten sind oder man sie aufgrund der Arbeitszeiten nicht halten kann. Es war auch eine katzengerechte Einrichtung und alle Katzen wirklich ziemlich gelassen, allerdings war keine wirklich verschmust. Als dann auch immer mehr Leute reingelassen wurden, sind wir gegangen, dass wurde uns zu viel und wir wollten es den Katzen nicht antun. Bevor hier aufgeschrien wird: die Katzen hatten einen Rückzugsort wo keiner hinkam. Es war alles schon okay und tiergerecht. 

Anders als in weiteren Tier-Cafes die wir in der Takeshitadori gesehen haben: Hunde-Cafe, ja okay, ein Mini-Schweinchen-Cafe und tatsächlich haben wir das Otter-Cafe gefunden, wo eine Mitarbeiterin mit einem Otter auf der Schulter draußen stand und die Kundschaft reingelockt hat. Das war uns zu hart. Katzen und Hunde sind domestizierte Haustiere, ja, aber Mini-Schweini und Otter nicht.

Aber das ist die Tokyo und die Takeshitadori. Die bekannteste Shoppingmeile mit manchen ausgefallenen Geschäften. Und nun ja, da ist er der Übertourismus. Die Straße war gerammelt voll. Und die Hälfte der Geschäfte waren Imbisse und Naschbuden die aber irgendwie alle das gleiche angeboten haben: Käsetaler und kandierte Erdbeeren. Auch gab es mittlerweile sehr viele Gachapon-Läden. Gachapon, bzw. GachaGacha, sie solche Automaten wie früher die Kaugummiautomaten waren. Du wirfst Geld rein, drehst, und bekommst nen Kaugummi oder nen Plastikring oder oder oder. Und GachGacha haben verschiedenste Inhalte. Das können berühme Animefiguren sein, Marvel, Schlüsselanhänger in Essensform, Mininotizbücher....Ich habe eine Serie gefunden, wo Katzen in Boxen oder Fischgläsern schlafen. Da bin ich schwach geworden und habe aber tatsächlich genau die Figur gezogen, die ich favorisiert habe (sieht aus wie unsere Carie). Für Marcel war das zu bunt und freakig, außerdem wurde er langsam schon hangry.

Deshalb haben wir uns ein Katsudon gegönnt. Ein Schnitzel auf Reis. Und weil wir nicht voll genug
waren, haben wir noch einen Matcha-Crepe-Stand gefunden und da noch einen superleckeren Crepe gegessen. Wir rollten danach dann Richtung Shibuya um den vorerst letzten geplanten Touristenspot für heute aufzusuchen: die Riesenkreuzung und Hachiko. Und auf dem Weg haben wie noch ein oder zwei Zwischenhalte gemacht, weil uns was ins Auge gefallen ist. Zum Beispiel das Tokyu Plaza. Es ist ein sehr bemerkenswertes Gebäude, also eigentlich zwei. Die Dachterrasse und der Rolltreppenaufgang sind mir schon einige Male bei Influencern auf Instagram gezeigt worden. Zack, mussten wir dann auch anschauen und uns wie Influencer fühlen. Und einen Nerd-Laden mit unglaublich sexy und realistischen Sammelfiguren von Marcel, DC, Alien etc haben wir gefunden. Marcel wollte einen lebensgroßen Gremlin mitnehmen. Aber A) wie soll der transportiert werden B) den kriegen wir nicht zollfrei ins Land. Gut, C) Platz haben wir nicht, war da nicht ganz so ausschlaggebend.

Also doch ohne Gremlin weiter zu Hachiko. Und bevor den erreichen, mussten wir über die berühmteste Kreuzung. Ich möchte meinen, dass jede zweite Hand ein Handy nach oben gehalten hat und das Kreuzen gefilmt hat. Auf sämtlichen Aussichtsplattformen hat man auch jede Menge Hobbyfilmer gesehen und Marcel wollte auf das höchste Hochhaus und von da schauen. Allerdings hat er sich Shibuya Sky rausgesucht. Auch unter Influencern sehr beliebt und der Spaß ist auch nicht supergünstig. Zum Glück (oder Pech?) waren alle Tickets für den Tag schon verkauft. Ich sag ja, man muss als Tourist in Japan wissen was man machen will, weil sonst alles weg ist. 

Aber die Hauptattraktion Hachiko war natürlich noch da. Überraschend artig standen die Touristen in Schlange vor der Statue und haben ihre Fotos gemacht. Ich hab jetzt mein viertes oder so, Marcel sein erstes. Dafür habe ich dann den neuen Hachiko-Stempel ergattert. So ziemlich jeder Japanreisender kennt die Stempel. Ich liebe es. An großen Sightseeingspots und den meisten (JR) Bahnhöfen gibt es Stempel die man suchen und in einem eigenen Buch oder in besonderen Stempelpässen sammeln kann. Ich finde das ist eine einfache Idee einige Spots attraktiver zu gestalten und das kostet noch nicht mal viel Geld oder menschlichen Einsatz. Manche Schreine oder Städte bieten sogar gewisse Ralleys an, wo man mehrere Stempel suchen und übereinander stempeln muss, um dann ein mehrfarbiges Bild zu haben (neu in einem Kaff ist jetzt der Gundam-Stempel, ich habe tatsächlich überlegt deswegen hinzufahren, ist aber doch zu weit weg). 


Nun haben wir den heutigen Tagesplan erfüllt und den gestrigen nachgeholt und trotzdem war es erst 16 Uhr. Spontan haben wir dann entschieden, mit einem noch spontaneren Besuch an einer Gozilla-Statue,  in Ginza, eigentlich auch fast neben dem Hotel, eine Ausstellung zu besuchen. Instagram sei Dank, habe ich mich ein bisschen inspirieren lassen und die Art Aquarium Exhibition gefunden. Dort sich Aquarien mit Lichtspielen versehen und wirkungsvoll in Szene gesetzt. Laut Veranstalter für die Fische alles okay. Ich bin kein Experte dafür, aber die Fische wirkten gesund und nicht gestresst auf mich. Da muss man in Japan echt aufpassen. Ich meide hier Zoos, die sind echt eine Qual und nach der heutigen Erfahrung auch alles an Tier-Cafes. Ästhetisch war die Ausstellung auf jeden Fall.



Nach so viel Erlebnissen sind wir nur noch was Kleines essen gegangen und wir planen den nächsten Tag. Möge der Jetlag uns nun endlich mehr Schlaf gönnen.


Mittwoch, 19. März 2025

Lang, lang....

 ... ist's her. Nämlich so ziemlich genau 13 Jahre, 7 Monate und 2 Tage, dass ich Japan verlassen habe.


Und der Weg wieder zurück hat einen Zeitaufwand von nur 27 Stunden gekostet.


Tag 1 ist eigentlich nicht viel mehr als eine Fahrtbeschreibung. Um 4 Uhr morgens, Dienstag wohlgemerkt, sind wir mit dem Auto losgefahren. Die Nacht hat also nicht sehr viel Schlaf gehabt. Aber immerhin sind wir so pünktlich wie gehofft in Frankfurt am Flughafen angekommen und konnten auch in den geplanten zwei Stunden Puffer gleich das Gepäck wegschaffen.

Es ist 14 Jahre her, dass ich geflogen bin und das ganze Self-Service-Gedöns überfordert einen, wenn man nicht vorbereitet ist. Da frage ich mich immer wieder, was tun Menschen, die gar kein Internet oder kein Smartphone haben.

Nun denn, Boarding war auch wunderbar und wir hatten im Flugzeug nach Taipeh drei Sitze für uns. Marcel saß am Fenster und ich wanderte auf den anderen beiden Sitzen umher um irgendwie ne angenehme Schlafposition zu bekommen. Es kann einen definitiv schlechter für einen 12 eineinhalb Stunden lagen Flug treffen. Generell hat China Airlines eine super Filmauswahl und auch sehr gutes Essen. Aber schlafen ging trotzdem nicht wirklich bei uns. Das hat man uns auch sehr bei den drei Wartestunden in Taipeh angesehen. 

Und genau diese drei Stunden sind wir dann auch nochmal von Taipeh nach Tokyo geflogen. Hier war die Sitzauswahl weniger elegant und wir waren in der Mitte reingequetscht worden. Die drei Stunden haben wir das verkraftet, aber für den langen Flug wären wir gestorben. 

Aber damit waren wir dann endlich in Japan. Sogar schon in Tokyo. Marcel hat sich schon auf ein Ende der langen Reise gefreut, aber nein. Natürlich nicht.

Erstmal kommt die Bürokratie. Wir müssen Einreisedokumente ausfüllen und Fingerabdrücke abgeben. Aber da sind wir gut vorbereitet gewesen, dass konnten wir wunderbar zu Hause schon vorbereiten und den Papierkram mit nur einem QR Code erledigen. Trotzdem war es ne lange Schlange, weil viele nach Japan wollen. Zwischendurch haben wir dann auch andere Deutsche informiert, dass sie das noch schnell digital erledigen können. Genauso mit dem Zoll. Damit waren wir im Land, aber noch nicht "zu Hause".

Wir haben das JR (Japanese Railway) Büro aufgesucht um unsere Rail Tickets einzutauschen. Damit können wir in ganz Japan mit der Bahn umsonst fahren können. Auch den Shinkansen. Dazu gab es die klassische Suica-Card. Schließlich kommt man mit der staatlichen Bahn nicht überall hin, also muss die Metro auch abgedeckt sein. Dabei ist die Suica-Card wie eine Prepaidkarte die man mit Geld auflädt und wie in London legt man seine Karte zu Fahrtbeginn und -ende auf, und der Ticketpreis wird abgebucht. Marcel war in dem Moment total überfordert warum wir zwei Tickets haben und was es in noch alles für Papierbelege dazu gab. Aber er ist ganz pragmatisch mir einfach nur willenlos hinterhergelaufen als es dann zur Bahn ging, die uns (nach einer Stunde warten) endlich zum "Heimatbahnhof" brachte.

Nur ist Tokyo Station so gar nicht meine Heimat. Ich glaube ich war hier nur ein einziges Mal. Also irrten wir dann doch relativ lange in dem Bahnhof umher, bis wir den richtigen Ausgang fanden. Ist ja nicht so, dass es wie in Deutschland so ca. 13 Bahnsteige gibt. Man hat mehrere Züge die dort fahren, -JR und Metro und die Shinkansen- die alle in einem eigenen Bereich abfahren und doch irgendwie alle verbunden sind. Und damit hat der Bahnhof dann auch ca. 10 Ausgänge. Ich bin immer wieder begeistert was so etwas mal geplant hat.

Zum Hotel ging es dann auch ganz easy und das Einchecken war eigentlich auch nur digitaler Selfservice. Aber egal, ziemlich kaputt sind wir ins Zimmer, haben uns nur kurz frisch gemacht und sind auf die Suche nach Essen gegangen. Da haben wir auch was hübsches kleines gefunden, dass ganz urig klassisch aufgebaut ist. Die Japankenner würden es mit einem Izakaya vergleichen. Man bestellt viele kleine Sachen, alle essen alles und man könnte noch viel nebenbei trinken. Aber das taten wir nicht, schließlich waren wir kaputt genug.


Also ab nach Hause, duschen und ins Bett.

Ab morgen will ich mich wieder wie zu Hause fühlen. 

Dienstag, 25. Februar 2025

Neue Perspektive: der Tourist

Endlich wird es Zeit den Japan-Trip neu zu begehen. Aber diesmal aus einer ganz anderen Perspektive: ich bin ein Tourist.

Irgendwie dachte ich, dass das das Ganze einfacher macht, aber anscheinend habe ich mich geirrt. Ich bin ein zu armer (geiziger) Mensch, der einfach zu wenig Erfahrung mit Urlaubsbuchungen hat. Oder Japan macht alles bürokratischer als bisher. Oder die Tatsache, dass ich für zwei plane. Oder die Welt hat sich weiter gedreht. Oder alles zusammen.

Erstmal zurück: ich habe meinen Bachelor in Regelstudienzeit beendet und danach einen Master in Japanologie und Ethnologie drangehängt. Damit war ich in einer Topzeit durch das Studium gehuscht, aber das hilft nicht wirklich bei der Jobsuche. Um nicht direkt beim Arbeitsamt Gast sein zu dürfen, hatte ich meinen neuen Minijob beim Callcenter auf Vollzeit erhöht...und bin da ganze 8 Jahre hängen geblieben. Nicht weil ich es wollte. Aber die Bewerbungen gingen ins Leere und die eigenständige Umorientierung war auch wenig erfolgreich. Also das Umlernen schon, aber das Arbeitfinden nicht. Nun bin ich aber aus dem Callcenter raus und Barista in einer Kaffeerösterei. Hat zwar nichts mit dem Studium zu tun, ist aber dafür toll.

Im Ganzen zeigt das aber auch, dass ich immer im Mindestlohnbereich herumgekrochen bin und auch mein Partner Marcel ist als Altenpflegehelfer nicht wirklich drüber. Viel Geld für teure Urlaube waren nie da. Seit Corona legen wir aber erfolgreich etwas beiseite und haben es nun geschafft unsere Arbeitgeber zu überzeugen uns vier Wochen am Stück Urlaub zu geben. 

Also geht die Planung los: 

I.

Als erstes der Flug. Uns war klar von wann bis wann aber von wo und ob mit oder ohne Stopp, war unklar. Wir haben was Schickes und absolut Preiswertes gefunden. Mit dem Extra: wir dürfen jeder zwei Koffer á 23kg mitnehmen. Besser geht es nicht!

Als ich den "Buchen"-Button gedrückt hatte, musste ich weinen. Ich bin mir nicht sicher welche Emotion das ausgelöst hat. Das Glück bald wieder in Japan zu sein oder die Angst, dass das jetzt alles Ernst wird. Oder aber der Schmerz, weil ich viel Geld auf einmal ausgegeben habe. Mich hat dieser Moment auf jeden Fall sehr gestresst. 

II.

In dem Moment wo wir wussten wann wir fliegen habe ich meiner Freundin Mariko in Shizuoka Bescheid gegeben, dass wir kommen. Ich kenne sie am länger als mein Studium in Tokyo und sie ist auch meine einzige verbliebene japanische Freundin. Ich hatte sie damals kurz vor meinem Abflug besucht und ihre Familie kennen gelernt. Seitdem spreche ich immer von meiner japanischen Familie und es war klar, dass ich sie mit Marcel besuchen werde. Da sie die höchste Priorität hat, habe ich mit ihr den Besuch abgestimmt und den Rest drum herum geplant bevor ich wild irgendwelche Hotels suche.

Mir schwebte ein günstiges Hotel in meiner alten Gegend Ekoda/ Ikebukuro vor. Da kenne ich mich aus und wir sind ja nur zum Schlafen und Duschen dort (und Wäsche waschen). Marcel waren aber meine herausgesuchten Hotels zu klein. Wir konnten uns auf nichts in der Gegend einigen, bis uns einfiel, dass ein Youtuber von einem Hotel ganz begeistert war. Filmchen rausgesucht, das Hotel gegoogelt und siehe da: zwar nicht supergünstig, aber okay. Dafür aber auch in einer Toplage direkt an der Tokyo Station. Von dort aus, können wir direkt überall mit unserem TrainTicket kostenlos hinfahren. 

In Kyoto und Osaka wo wir auch hin wollen gestaltet sich die Preislage ganz anders. Ich hätte gedacht, dass Tokyo teuer ist, aber damit lag ich komplett daneben. Währen der ganze Planung zeigt sich, dass Kyoto DER Touristenpunkt schlechthin ist. Dort sind die ganzen klassischen Tempel und Sehenswürdigkeiten. Und Osaka ist dieses Jahr Gastgeber der Expo. Zum Glück hat das Tokyoter Hotel dort auch einen Standort und das haben wir direkt ausgenutzt. Auch hier ist der Preis voll okay und die Lage megabequem. 

Hier habe ich mittlerweile nicht mehr geweint beim Buchen, aber es schmerzte sehr so viel Geld auszugeben. Insgesamt immer noch günstiger als im imaginären Masterplan, aber dennoch macht sich der ungeübte geizige Urlauber in mir bemerkbar.


III.

Was wollen wie machen und sehen? 

Dieser Punkt umfasst natürlich viel zu viel. Für Marcel werden es viele kleine Dinge sein, die ich schon x-mal gesehen habe. Sowas wie Tokyo Tower oder Asakusa. Für mich gibt es auch einige nette Dinge die wir gefunden haben wie eine Führung über den Fischmarkt. Und natürlich moderne Dinge wie TeamLab, einem Museum für Digitale Kunst. Da sind wir sehr gespannt drauf.

Selbstredend habe ich noch eine Handvoll alter Leute kontaktiert, ob man sich nicht treffen möchte. All die Ideen die schon keinen Platz in diesen 22 Tagen haben werden noch getoppt von Verabredungen. Es wird spannend, wie sich am Ende alles zusammenfügt.

Marcel hat für sich keine große Ahnung, was ihn erwartet oder was er sehen möchte. Aber einen Wunsch hat er: Universal Studio Japan (USJ). Wir überlegten in eins der Disneylands zu gehen, haben uns aber lieber für USJ entschieden. Das Nintendoland macht es attraktiv und mich Meganerd lockt die Wizarding World, wo man durch Hogsmeade nach Hogwarts läuft. Und hier zeigt sich, dass man große Dinge wirklich bewusst rechtzeitig planen muss. USJ hat mich bereits einige Nerven gekostet. Es zeigt sich nämlich, dass USJ in letzter Zeit keine Touristen in den Park lässt, wenn sie Tattoos haben. Die japanische Kultur verbindet mit Tattoos die Yakuza, die japanische Mafia. Da denkt man sich "Aber wir sind doch Europäer", aber da wird kein Unterscheid gemacht. Da Marcel sehr stark tätowiert ist, habe ich kein Onsen, Bad in einer heißen Quelle, geplant, da die dort in der Regel keine Tattoos zulassen.

Das aber USJ so strikt ist, kommt unerwartet. Disneyland ist da streng, was aber nicht verwunderlich ist wenn Kinder im Spiel sind. Aber USJ hat NIRGENDS einen Hinweis darauf auf der Homepage. Es steht nichts in der Hausordnung, also habe ich frühmorgens die englische Hotline angerufen um das abzuklären. Nicht das ich sehr viel Geld ausgeben um dann nicht reingelassen zu werden. Diese englische Hotline war allerdings japanisch. Also habe ich nach einem Jahrzehnt ganz spontan mein bestes Japanisch rausgeholt und nachgefragt, wie es denn mit Tattoos sei. Die Dame war sehr nett am Telefon. Das bedeutet, sie hat für mich eine äußerst schwere Grammatik benutzt. Im Großen uns Ganzen habe ich verstanden, dass Tattoos ok sind, wenn man sie nicht sieht. Auf die Nachfrage nach Hand- und Halstattoos habe ich sie nicht mehr verstanden. Auch nach mehrmaliger Bitte langsam und einfach zu sprechen, hat sie weiterhin sehr höflich und schnell gesprochen. Ich habe mich nett bedankt und habe das Telefonat an einen Muttersprachler ausgesourct. Aber es bleibt dabei: was man nicht sieht ist okay. Daher hat Marcel die Wahl: Schal, Handschuhe und Make-Up oder kein USJ.

Es ist klar wie die Antwort lautet. Nun muss der Spaß gebucht werden. Es ist natürlich kompliziert. Man braucht ein Hauptticket und wenn man ins Nintendoland will, noch ein Extraticket, das zeitfenstergebunden ist. Auf der originalen Homepage kann man Anfang April noch nicht buchen, auf einer deutschen Vermittlerseite (Japanexperience) kann man das Hauptticket buchen, aber generell derzeit kein Extraticket. Auf einer internationalen Vermittlerseite (Klook) kann man das Hauptticket buchen, aber noch nicht das Extraticket. Ich dachte, nun gut, zwei Monate vorher wird es freigegeben. Ne, falsch gedacht. Also schaue ich jeden Tag auf die Seiten und warte, dass es freigegeben wird. 

Und siehe da: auf Klook ist es möglich. Wir wollen den 1. April. Aber ich klicke das Extraticket an und der gaaaanze April außer dem 2ten ist schon ausgegraut. Total verrückt. Zum Glück haben wir mehrere Tage in Osaka geplant, daher können wir auch am 2ten hin. Und zum Glück hatte ich mit den Haupttickets gewartet. Nach ca. 1,5 Monaten voller Recherche, Warterei und Telefoniererei habe ich nun endlich die Tickets buchen können. Und niemals nie würde ich in Deutschland so viel Geld dafür ausgeben, zumal nicht zu 100% sicher ist, dass wir Marcel mit den Tattoos reinkriegen. Aber wir sind guter Dinge und freuen uns extrem auf SuperMario, Harry Potter und Jurassic Park.

IV.

Alle anderen Dinge erscheinen zu diesem Problem winzig und einfach. Alle anderen "großen" Attraktionen haben wir problemlos gebucht, bzw. Sachen wie Tokyo Tower machen wir dann spontan. Dadurch, dass ich schon da war, weiß ich wo was zu finden ist und wie das Bahnsystem läuft. Daher war klar, dass ein TrainTicket im Voraus gebucht wird und über den Kumpel war auch klar, wie einfach wir an mobiles Internet kommen. Der zeitliche Masterplan steht und der Großteil der Freunde ist grob eingeplant. Vor Ort werden wird dann genauer. 


Zusammenfassend kann ich jetzt schon sagen, dass der Perspektivenwechsel viele Herausforderungen mit sich bringt. Als Student musste ich mich nicht um das Wohnen kümmern, dass stand schon fest. Große Pläne außer zur Uni Gehen hatte ich auch nicht. Japan war vor 14 Jahren anscheinend auch weniger touristenüberlaufen, weswegen das vorzeitige Buchen kaum relevant war. Mobiles Internet war damals kein Thema und selbst mobil sein, war weniger wichtig. Zumindest für lange Strecken. Die ersten Gedanken gehen schon an das Packen. Damals reichte ein Koffer locker für ein Jahr Aufenthalt. Jetzt denke ich bei all den Mitbringsel (für die Japaner), dass die vier Koffer voll ausgenutzt werden (ne, wahrscheinlich nur zweieinhalb). Außerdem hat Marcel kaum Kenntnisse der Kultur, erst Recht nicht der Sprache. Ich wusste damals auf was ich mich einlasse, er tut es nicht wirklich. Also muss ich für ihn in einigen Dingen mitdenken. Ich finde es jetzt schon faszinierend, wie anders es sein wird. Und ich habe schon richtig Lust, diesen Blog dafür weiterzuführen. 

Aber jetzt heißt es erstmal noch WARTEN und VORFREUDE genießen.

Sonntag, 11. März 2012

1 Jahr später

Am 11.März 2011, um 14:46 Uhr, hat es das große Tohoku-Erdbeben in Japan gegeben. Und nun jährt sich das Ereignis.
Ich sah dem Ganzen zwiegespalten entgegen und bin mir auch immer noch nicht so sicher was ich denken und fühlen soll. Es ist nicht, dass ich traurig bin oder melancholisch, es ist ein Tag wie jeder andere. Das Wetter hier ist wieder normal schlecht und ich habe nicht vor etwas besonderes zu machen. Außer das sich auf keinen Fall den Fernseher einschalte, damit ich mich nicht über all die Berichterstattungen aufrege. Die Normalität wieder ist schon erschreckend. Das Ereignis hat mich stark geprägt, da dachte ich, dass ich wenigstens ein wenig nostalgisch zurück an meine Freunde denke. nein, mit denen hab ich ausreichend Kontakt als dass ich nicht sehnsüchtig an sie denken muss. An den Schrecken beim Erdbebens selber kann ich mich -glücklicherweise?- auch nicht mehr deutlich erinnern. Die Bilder bekomm ich hin, aber nicht mehr das Gefühl, die Angst, aufsteigende Panik und erst recht nicht die Angst danach, als die Nachrichten Deutschland komplett verrückt gemacht haben.
Bin ich so abgebrüht? Selbstschutz? Oder einfach normal wenn man nicht mehr an dem selben Ort ist?

Ich versuche neutral auf die Situation zu schauen. Und es fällt einem echt schwer. Es ist ja nicht so, das sich mich komplett von sämtlichen Informationen abgeschottet habe. Im Gegenteil, ich habe Seminare besucht, wo wir versucht haben die Informationen zu deuten die wir bekommen, speziell was Essen nach Fukushima angeht. Ich lese Nachrichten und ich hab auch die eine oder andere Dokumentation und Berichterstattung jetzt zum Jahrestag gesehen.
Das alte Problem: Japan sagt nichts und Deutschland gerät in Panik. Über das Jahr hinweg hab ich Nachrichten verfolgt und die Berichterstattung ist aus dem Land selber eher mies bis verwirrend. So wird häufig über das Nahrungsmittelproblem gesprochen, doch in Form von "Wir heben die Maximalgrenze der zulässigen Becquerel-Aufnahme an" oder "2400 Kühe sind noch nicht auf Radioaktivität überprüft, ihr Fleisch aber schon im ganzen Land verteilt". Aha. Wenn man das auseinanderfriemelt, dann sieht man, dass unter anderem keine einheitlichen Einheiten (Becquerel oder/ oder Sievert) genutzt werden und dass die Messungen eher lückenhaft gemacht werden. Weiterhin in dem Seminar sind wir auf die Problematik von Nationalstolz gekommen, so werden noch immer Fukushima-Produkte verkauft und auch gut vekauft. Oder Messungen aus staatlicher, privater oder internationaler Hand. Alle sind sie unterschiedlich oder vor und nach der Verarbeitung der Nahrungsmittel gemacht wurden. Daraus folgt die Frage: wenn das Essen zubereitet wird, ist es weniger strahlend? Und wenn ja, wo geht die Strahlung hin (-> Kochwasser) und dann, wo geht das Kochwasser hin?
Ganz ehrlich, wenn ich die Texte lese und überlege nach Japan zurückzugehen, krieg ich schon Angst. Oder frage mich, wie schlimm habe ich in Japan gegessen?

Wenn man aber dann auch weiter liest oder an die Erfahrungen direkt nach dem Erdbeben zurückdenkt: es interessiert so gut wie niemanden! Ganz ehrlich, außer die Leute die direkt für uns zuständig waren haben uns auf zwei, drei Sachen aufmerksam gemacht. Aber außer der täglichen Radioaktivitätstabelle in der Zeitung kann ich mich an nichts erinnern.
Wie Tagesschau.de einmal treffend formuliert hat, das "vielfache Vergessen um Fukushima" hat eingesetzt. Einer der wenigen Artikel die ich für gut befinde. Nicht nur WIR und die Welt hat das Beben und Fukushima, und noch schneller die Opfer vergessen. Nein, leider auch in Japan selber wird es nicht mehr groß bedacht. So habe ich es mit den Stromsparungen miterlebt, die auf einmal aufhörten, als würde TEPCO weiter produzieren, oder mit Gemüse, dass ganz am Anfang als bedenklich eingestuft worden ist, wieder auf dem Markt kam. Da sagt aber meine Logik, dass doch jetzt erst recht die Radioaktivität mit Regen und Grundwasser sich schön verteilt hat. Aber gut, vielleicht lieg ich falsch, da ich weder Experte in Physik, Biologie, Geologie oder was auch immer bin.

Zum Jahrestag bin ich gefragt worden, ob ich ein Interview geben möchte. Ich habe zugesagt, sowas mache ich doch immer gerne. Nach einigen Telefonaten wo wir einige Vorfragen geklärt haben, bin ich dann doch nicht eingeladen worden. Mir schien es so, als habe ich nicht das erzählt, was die Presse hören wollte. Immer kamen Fragen wie "Wie ist das Atomkraft-Bewusstsein nach Fukushima?" oder "Hast du Demonstrationen erlebt?". Und jedes Mal musste ich sagen "Nein, ich habe nichts erlebt, gelesen oder einer meiner Freunde hat sich negativ zur Atomkraft geäußert." Soll ich was Falsches erzählen? Nur weil Deutschland sich die Panik zunutze gemacht hat und einen Atomausstieg plant, heißt das nicht, dass Japan das auch tut. Natürlich wurde anfangs drüber berichtet, aber seit dem Erdbeben bin ich mir sehr sicher, weil ich andere Fakten kannte, wird das berichtet was gut hierher passt.
In Japan noch habe ich einen englischsprachigen Unterricht besucht, wo wir eine Art Vorstellung von aktuellen Themen machen mussten. Eher die Japaner, damit sie Englisch und Präsentationen üben können. Da haben natürlich einige das aktuelle Thema Atomkraft gewählt. Es wurde eine kleine Historie bezüglich Fukushima Dai-ichi gegeben, und dann ging es zu der Atompolitik Deutschlands und unseren Ausstieg über. Es wurde weder reflektiert ob das schlau ist noch warum wir das auf einmal gemacht haben. Und es folgte keine Beurteilung durch die Studenten. Gut, wer mal mit japanischen Studenten gearbeitet hat, weiß, dass die eigene Meinung eher selten preisgegeben wird, aber in der anschließenden Diskussion, wo ich die Fakten aus Deutschland richtig gestellt habe, war anzusehen, dass erstens keiner der Studenten ansatzweise an dem Thema interessiert war, noch dass sie in Betracht gezogen haben, dass es anders geht und es sich ändern könnte. Gut, ist natürlich hier fraglich, ob ich eine Klasse an der Uni stellvertretend für ein Land nehmen kann.
Hier finde ich einen Artikel aus dem "Der Spiegel-Geschichte" (Ausgabe 5/2011, S. 102-107) namens "Böse Bombe, gutes Atom" nennenswert. Hier werden die Erfahrungen der Bösen Atoms -die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki- dem "Guten Atom" -der Atomkraft, geld-und prestigebringend- gegenübergestellt. Die Frage war, wie kann ein Land dass am besten um die Auswirkungen weiß, Atomkraft produzieren? Die Wirtschaft hatte die Macht. Nach dem Weltkrieg war Atomkraft (mit Wissen und ersten radioaktiven Materialien aus Amerika) eine günstige aber effektive Form der Energiegewinnung, die Japan als aufstrebende Wirtschaftsmacht bitter nötig hatte. Auch erste Ängste hat die Politik unter Premierminister Nakasone der Wirtschaft mit finanzieller Hilfe ausgeredet, wodurch nun Politik und Wirtshaft eng verbunden sind. Es hieß dass eine böse Macht auch Friedvolles vollbringen kann und "den japanischen Bürgern wurde vorgegaukelt dass die Bombe und die Energie zwei komplett verschiedene Dinge sind." (S.106). Es ging dann so weit, dass die ersten Beschwerden der Anwohner mit Geld beruhigt worden. Es heißt, dass die Gewinne der ersten 5 Jahre mit den angrenzenden Gemeinden geteilt wurden, sodass diese ebenfalls profitierten. Ein mir insgesamt realistische erscheinender Bericht. Diese Politik der unterschiedlichen Atomen erklärt schon die gewisse Neutralität der Atomkraft gegenüber.
Aber ZDFzoom berichtet in einem mir absolut merkwürdigem Film, dass es immer schon Proteste gegeben hat. In "Die Fukushima-Lüge" vom 07.03.2011 werden Ingenieure und Politiker interviewt, die schon IMMER von den Fehlern in Fukushima Dai-ichi wussten und nie erhört worden sind. Die Politik sei zu mächtig gewesen. Auch Naoto Kan, der damalige Premierminister, erklärt, er sei Atomkraftgegner, aber ihm seien die Hände gebunden gewesen. Aber auch, was ich doch für sehr glaubhaft halte, er wusste um die Situation zur Zeit des Erdbebens selber nichts. Er hat nach Eigenaussage erst aus dem Fernsehen erfahren, dass es zu Explosionen gekommen ist. Andere Ingenieure haben es herausgesehen, da Kühlgeräte verkehrt herum angebaut worden sind.
Alles Fakten die jetzt erst kommen? Warum jetzt erst? Aufgrund der Tatsache, dass der ganze Beitrag fürchterlich reißersich auf gemacht worden ist, denke ich mir, dass nur eine Hälfte wahr ist, von dem was uns erzählt wird. Es ergibt für mich keinen Sinn, warum Verantwortliche, Wissende, Mächtige ein Jahr geschwiegen haben, um auf einmal den Deutschen zu sagen "Atomkraft ist schlecht. TEPCO hat gepfuscht. Alles Korrupte. Wir haben es schon immer gewusst!" Es werden mal wieder keine knallharten und vor allem nachvollziehbaren Informationen gegeben, eine Sache, die ich schon vor einem Jahr kritisiert habe. Man beruft sich auf schwammige Interviews und Informationen von -wem?
Trotzdem gehe ich schweren Herzens davon aus, dass die andere Hälfte wahr ist. Und selbst nur eine Hälfte ist erschreckend. So habe ich zum ersten Mal in dem Beitrag gehört, dass es bereits am 11.März einen GAU gegeben hat und die Brennstäbe bereits auf dem Boden lagen. Es überrascht mich nicht, es hat mich in dem Moment nur mit Angst erfüllt. Die Erklärung warum man das erst zwei Monate später zugegeben hat (also dass es überhaupt zu einem GAU kam) wurde damit beantwortet, dass man es aufgrund der nicht vorhanden Sicht in den Reaktor nur vermuten konnte. Beruhigend.

Und da ist es wieder passiert: ich wollte Japan meine Gedanken mitgeben und rege mich wieder über Deutschland und seine Nachrichten auf. Aber mit dem heuchlerischen "Wir haben euch nach 2 Monaten vergessen, nutzen aber euer Leid um ein Jahr später was berichten zu können und tun so als ob wir an euch denken" komm ich nicht wirklich klar. Es nervt mich auch bei 9/11 jedes Jahr, aber nun hab ich persönlich damit zu tun.

Einen nennenswerten Blick auf die heutige Tageschau.de-Seite. Man sieht das Top-Thema ist nicht Japan, obwohl es die meisten Artikel hat, sondern die deutsche Reaktion im Kampf gegen die Atomkraft mit einer großen Spur von Selbstverliebtheit. Quod erat demonstrandum.
Ich will nicht sagen, dass meine Meinung die einzige ist. Ich bin wissenschaftlich garantiert nicht ausgebildet genug, als das meine Wortschwall hier stellvertretend für die Wahrheit steht, ich habe nur das Gefühl das was verkehrt ist und da wollte ich meinem Blog nicht vorenthalten.

Meine Gedanken gelten heute Japan und seinen Opfern. Des Erdbebens und des Tsunamis. Die sollte man unter dem ganzen Fukushima-Wahn in Deutschland niemals vergessen.